Lernfeld Zirkus

Kinderzirkus…ein außergewöhnliches Lernfeld

Die weitgehende Verschulung fast aller Lebensbereiche der jungen Menschen, das Fehlen von Situationen, in denen sie wirklich Verantwortung übernehmen können, führt dazu, daß viele Jugendliche sich ständig auf der Suche nach Nervenkitzel befinden. Viele neu entstandenen Sportarten wie z.B. Bungee Jumping spielen bewußt mit dem Risiko des Lebenseinsatzes, mit der Konfrontation der Lebensgefahr.
Das Zirkusprojekt mit seinem exotischen Flair eröffnet Kindern und Jugendlichen eine der wenigen Möglichkeiten, Abenteuer zu erleben. Eine ganze Reihe zircensischer Disziplinen wie Feuerspucken oder Seiltanz sind nicht ungefährlich. Kinder müssen erheblichen Mut aufbringen und lernen, Schmerzen zu ertragen. Doch bleibt das Risiko kalkulierbar. Zirkus als ästhetische Praxis und als selten gewordenes Abenteuer vermittelt Kindern und Jugendlichen die Erfahrung, daß man sich selbst - freiwillig - dazu erziehen kann, verläßlich zu sein, beständig und tragfähig zu werden, und das im wörtlichen wie übertragenden Sinn.
So ist die Voraussetzung jeder Partner-Akrobatik Standfestigkeit und Verläßlichkeit des Partners. Ohne Vertrauen zueinander geht nichts.
Harte, kontinuierliche Arbeit ist Bedingung dafür, später die erlernten Fähigkeiten gleichsam spielerisch darbieten zu können. Durch die notwendige und erwünschte Präsentation der erarbeiteten Kunststücke verändern sich Körperhaltung und Körpersprache.
Alle Kinder im Zirkus haben große Selbstsicherheit gewonnen - nicht nur in der Manege, auch im Alltag. Die Kinder und Jugendlichen finden im Zirkus ihre Identität im Rahmen einer ausgewogenen Ich-Wir-Balance. Sie ist in der Lebenswirklichkeit der Kinder selten geworden. Wo hängt in der Alltagserfahrung von Schülern akzeptierter Erfolg noch von Gemeinschaftsarbeit ab, und wo ist der Einsatz eines Einzelnen für die Gruppe noch so wichtig? Sicher - es gibt im Sport vergleichbare Situationen. Aber im Vergleich von Sport und Zirkus zeigen sich zwei wichtige Unterschiede:

  1. Die Arbeit im Zirkus findet nicht als Wettkampf statt. Es gibt keinen Sieger und keinen Verlierer. Ja, in der Clownerie wird die Wettkampfsituation geradezu auf den Kopf gestellt. Der Schwache - “der dumme August” ist in der Regel letztlich der Sieger.
  2. Setzt ein gerechter Leistungsvergleich im Sport eine homogene Altersstruktur voraus, so ist die Situation im Zirkus das genaue Gegenteil. Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters arbeiten zusammen. Der Untermann in der Partneraktrobatik muß in der Regel größer, stärker und älter sein als sein Partner.

Dadurch, daß die Mitarbeit von Vätern und Müttern erwünscht und notwendig wurde, entwickelte sich Giovanni zu einem generationsübergreifenden Projekt. Durch die enge Zusammenarbeit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bieten sich eine Fülle von wichtigen Orientierungs- und Reibungspunkten für die Heranwachsenden, deren Leben sich im übrigen Alltag weitgehend in homogenen Gruppen oder in der Isolierung vor dem eigenen Computer abspielt.
Als ästhetisches Praxisfeld eröffnet Giovanni Kindern und Jugendlichen die Erweiterung ihrer Wahrnehmungsmöglichkeit, ihrer Erlebnisfähigkeit und ihrer gestalterischen Ausdruckserfahrung. ästhetische Praxis als sinnliche Erfahrung inmitten des Alltags, eingebunden in Alltagsaufgaben wie die Wartung von Fahrzeugen, die Tourneeplanungen, die Fahrdienste und die nüchternen Finanzierungsprobleme, das ist das Ziel im Kinderzirkus Giovanni.